Metropolis 14


Die Verleihung der Deutschen Regiepreise METROPOLIS 2014

Der Regieverband kürt die Jahrgangsbesten und István Szabó für sein Lebenswerk. Am Sonntag, den 9. November 2014 wurde zum vierten Mal der Deutsche Regiepreis METROPOLIS bei einer Galaveranstaltung im Audimaxx der Hochschule für Fernsehen und Film in München verliehen. Die unterhaltsame Preisverleihung war Höhe- und Schlusspunkt der TAGE DER REGIE, die dieses Jahr zum ersten Mal mit interessanten Screenings und Panels Regisseure, Filmstudenten und Branchenprofessionals zusammenbrachte.

Die Preisträger des Deutschen Regiepreises METROPOLIS 2014 wurden von den Mitglieder des Bundesverbandes der Film- und Fernsehregisseure e.V. (BVR) aus jeweils vier von einer Jury nominierten Vorschlägen in einer Online-Abstimmung gewählt.

Gewinner

Kinofilm
Edward Berger
“Jack“

Kinder- und Jugendfilm
Pepe Danquart
„Lauf Junge lauf“

Bester Schauspieler
Jörg Hartmann
„Weissensee“

Beste redaktionelle Leistung
Dr. Gudrun Hanke-el Ghomri
„Achtzehn“

Fernsehfilm
Hermine Huntgeburth
„Männertreu“

Dokumentarfilm
Mo Asumang
„Die Arier“

Beste Schauspielerin
Liv Lisa Fries
„Morgen Mittag bin ich tot“

Serie/ Serienfolge
Arne Feldhusen
„Angehörige“

Nachwuchs
Frauke Finsterwalder
„Finsterworld“

Beste produzentische Leistung
Jan Krüger
„Jack“

Lebenswerk

Lebenswerk

Ein Meister der Einfühlung: István Szabó

„Ohne eigenes Blut funktionieren Filme, Opern, Theater nicht“: Dieser Satz von István Szabó umreißt seine persönliche Ästhetik: sein Bemühen, auch im kunstvoll Inszenierten Authentizität anzustreben, sein Durchleben eigener Gefühle, die er in den Figuren transparent macht. Er benötigt keine wild ausschweifenden Fantasien, Materialsplitter der Geschichte und des selbst Erlebten genügen ihm.
1938 in Budapest geboren und aus einer jüdischen Familie stammend, gelang es ihm und seiner Fa-milie, den Holocaust zu überleben. Er kämpfte für den Wiederaufbau in Ungarn und bekam den Hor-ror des Stalinismus zu spüren. Bereits als junger Mensch erlebte Szabó, wie die Welt sich mehrmals drastisch änderte. Helden standen auf, wurden geschlagen und standen wieder auf. Mythen wurden vernichtet und wieder erfunden. Wahrheit wurde zu Lüge und Lüge zu Wahrheit.

Sein erster großer Spielfilm „ÁLMODOZÁSOK KORA /ZEIT DER TRÄUMEREIEN“ (1964) ist eine peinvol-le Auseinandersetzung mit den Illusionen, den Reife- wie den Anpassungsprozessen seiner Generati-on. Ähnlich in „APA / VATER“ (1966), wo ein Junge die Wahrheit über seinen toten Vater erfährt, so dass er in der Lage ist, der gestanzten Macht der Legenden zu entkommen. Schon früh erwies sich Szabó als sensibler Beobachter diktatorischer Systeme und erlebte selbst die daraus resultierende Fremdbestimmung.

Auch in seinen weiteren Filmen in Ungarn setzt er die Suche fort nach Identität und Selbstbild, nach Sicherheit und Geborgenheit in einer Welt, die scheinbar launisch und erbarmungslos die Schicksale der Menschen ändert und herausfordert. Bildstilistisch entwickelt er seine subtile Licht- und Farb-dramaturgie weiter. Virtuos eingesetzt etwa in seinem wohl berühmtesten Film: „MEPHISTO“ (1981), das Portrait des Schauspielers als Karrieristen in unwirklichster NS-Zeit wurde eine genau ausge-leuchtete Charakter- wie Gesellschaftsanalyse. Sie brachte Szabó 1981 den Oscar als bester ausländi-scher Film ein. „MEPHISTO“ wird der erste Teil einer Trilogie, die von Nazi-Deutschland aus den Blick auf die k.u.k.–Monarchie zurück wendet.

„OBERST REDL“ (1985) ist die auf authentischem Material beruhende Geschichte eines Aufsteigers, der seine Identität aufs Spiel setzt und zum politischen Spielball wird. Szabó ging es nicht um den politischen Verrat oder die angebliche Homosexualität Redls, sondern um dessen Anpassungskrise. Menschen tun viel dafür, etwas anderes sein zu wollen, als sie sind. Das sei eine Krankheit des Jahrhunderts.
Auch “HANUSSEN” (1988) erzählt von einem Verstellungsartisten: von dem Hellseher und Scharlatan, der gleichfalls mehr und etwas anderes sein möchte als er ist. Als er eher zufällig den Reichstagsbrand 1933 voraussagt, wird er für Hitler vom Propheten zum unliebsamen Mitwisser und aus dem Weg geräumt.

In „SUNSHINE – EINEN HAUCH VON SONNENSCHEIN“ (1999) geht István Szabó die Herausforderungan, ein gewaltiges Epos über drei Generationen der jüdischen Familie Sonnenschein zu entfalten. Szabó zeigt dabei, dass persönlicher Status keine Immunität gegen die ideologischen Verirrungen ge-sellschaftlicher Ismen gewährt. In „TAKING SIDES – DER FALL FURTWÄNGLER“ (2001) umkreist er wie bereits in „MEPHISTO“ abermals die Frage der Verführbarkeit des Künstlers durch Macht, diesmal in einer Art Dialog, den die Hauptdarsteller Harvey Keitel und Stellan Skarsgaard virtuos entfalten. Auch „THE DOOR / HINTER DER TÜR“ (2012) bietet scharf zuspitzende Dialoge, in denen bruchstückhaft die verschütteten Traumata einer Putzfrau aufscheinen, die vielleicht ein Spitzel gewesen ist.
Filmemachen ist für István Szabó das visuell einprägsame Erzählen menschlicher Erfahrungen und Emotionen. Er hat eine tiefe Verbundenheit zu Menschen und eine besondere zu Schauspielern, also zu: Menschen-Darstellern und -Darstellerinnen.

Sein kompositorischer Blick, menschliche Gestalten authentisch und wahr zu zeigen und immer auf den intuitiven, richtigen Augenblick eines solchen (Ab-)Bildes zu warten ist legendär. Er selbst beschrieb diese ungewöhnliche inszenatorische Geduld einmal so: „Ich warte auf den Engel. Und plötzlich ist er da.“ Ihn zu erkennen und ihn als Bild festzu-halten – das gehört zur Kunst eines Meisterregisseurs.

Mit „Die Delegation“ (1969/70), einer fiktiven Reportage über die Suche nach Außerirdischen, vertiefte Rainer Erler eine Genrefarbe im deutschen Fernsehen, für die er wenig später synonym werden sollte: Science Fiction. Er hat sich zunächst gegen dieses Etikett gewehrt, wollte nicht als Fantast, Träumer oder Geisterseher gelten. Seine SF-Filme waren denn auch keine märchenhaften Utopien, sondern er begriff sie als „Extrapolationen von Entwicklungen der Gegenwart, als Auseinandersetzungen mit den Folgen aktueller Entwicklungen in Wissenschaft und Technik“ (Olaf Brill).

Angeregt durch den Club of Rome-Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ und den sich anbahnenden ökologischen Zukunftsproblemen entstand Erlers fünfteilige Science-Thriller- Reihe “Das blaue Palais ” (1974-1976) über eine Forschergruppe und deren Auseinandersetzung mit industrieller Profitgier und persönlicher Geltungssucht. Erlers Plädoyer für eine neue Wirtschafts- und Wissenschafts-Ethik war wichtig für die breite ökologische Diskussion in Deutschland, lange bevor es die Partei der Grünen gab.

In der Mischung aus Thriller und Aufklärungsfilm machte er ein Millionenpublikum mit wissenschaftlichen und ökologischen Themen vertraut. Und dies in spannender Erzählung, mit irritierender Bildsprache, starken Figuren, die keine Helden (mehr) sind und bei allem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse nicht wirklich Lösungen bieten. Die gibt es nur in den vereinfachten Genreformen des Unterhaltungskinos, zu dem sich Erler zwar formal, aber nicht in der thematischen Vereinfachung bekennt. Trotz knapper Budgets atmen seine Filme in der intelligenten Adaption von Genreversatzstücken stets etwas von (erheblich teureren) Hollywood-Filmen.

Filme wie “Plutonium ” (1978) über verschwundenes, hochangereichertes Spaltmaterial, “Das schöne Ende dieser Welt ” (1983) über die fragwürdigen Machenschaften europäischer Chemiekonzerne in Afrika, “Operation Ganymed ” (1977) über eine Weltraummission, die zu einer verwüsteten Erde zurückkehrt, “Fleisch ” (1979) über die skrupellosen Methoden von Organhändlern und “Die Kaltenbach Papiere ” (1990) über ein Intrigenspiel um nukleare Sprengsätze waren einprägsame Erkundungen zu Moral und ihrer fehlenden gesellschaftlichen Verankerung. Man müsse nur “extrapolieren ”, erläutert Rainer Erler seine Erkenntnis-Methode, in der zuweilen schonungslos die Krisenszenarien zutage treten: “Wer sich informiert, die Facts kennt und dann hochrechnet, kommt zu solchen Ergebnissen ”, erläutert der Regisseur, der keineswegs ein Pessimist ist.

Viele der Science-Thriller Erlers sind inzwischen Kultfilme, werden aber relativ selten im TV gezeigt. Glücklicherweise liegen die meisten auf DVD vor. Einige Erler-Filme werden in einer kleinen Werkschau im Rahmen des Münchner Filmgipfels Moviecom518 zu sehen sein. Der außergewöhnliche Regisseur wird zudem in einer Lecture am 23.11. im Münchner HVB- Forum über sein Werk sprechen.

V.i.S.d.P.: Dr. Jürgen Kasten, Geschäftsführer, Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure e.V.

Nominierungen 2014

Nominierungen 2014

Beste Regie Kinofilm

  • „Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska
  • „Jack“ von Edward Berger
  • „Zwei Leben“ von Georg Maas
  • „Zwischen Welten“ von Feo Aladag

Beste Regie Fernsehfilm

  • “Die Spiegel-Affäre“ von Roland Suso Richter
  • “Männertreu” von Hermine Huntgeburth
  • “Tatort: Gegen den Kopf” von Stephan Wagner
  • “Weiter als der Ozean” von Isabel Kleefeld

Beste Regie Serie / Serienfolge
“Großstadtrevier: Heile Welt“ von Lars Jessen
“Tatortreiniger: Angehörige“ von Arne Feldhusen
“Weissensee: Morgenluft“ von Friedemann Fromm

Beste Regie Kinder- und Jugendfilm

  • “Keinohrhase und Zweiohrküken” von Til Schweiger und Maya Gräfin Rothkirch
  • „Lauf, Junge, lauf!“ von Pepe Danquart
  • “Pettersson und Findus” von Ali Samadi Ahadi

Beste Regie Dokumentarfilm

  • “Achtzehn” von Cornelia Grünberg
  • “Betongold” von Katrin Rothe
  • “Die Arier” von Mo Asumang

 

Die Nominierungs-Jury bildeten: Michael Geier, Dirk Fritsch (Vosritz), Matthias Kessler, Markus Sehr, Christoph Weinert und Klaus Witting.